2 Damals

28. April 2015

Damals! Ich trat in das Leben. Um mich herum meine Familie. Meine Schwester, die Leni. Meine Mutter und mein Vater. Meine Juli Oma und mein Juri Ota. Zwei Pferde, eine Kuh und ein Kalb. Und eine Sau mit zwölf Ferkeln. Hühner und Tauben, Enten und Gänse. Zwei Schwalbennester unter dem Dachvorsprung und viele Spatzen im Hof. Eine Katze, ein Hund und eine Ziege. Und Hasen. Und Perlhühner. Weil sie so schön waren. Die Schafe waren bei dem Hirten auf der Weide. Und unzählige Mäuse im Hambar und manchmal Ratten unter dem Schweinestall. Ganz hinten im Hof, da wo der Garten begann, auf einem großen, abgeschnittenen Weidenbaum ein Storchennest mit zwei Störchen. Sie kamen regelmäßig. Im Frühling. Wenn es wärmer wurde. Solange ich mich erinnern konnte. Aus Afrika, hieß es.

Wir wohnten in einem Eckhaus. An der Ecke Dreibrunnen-Gasse/Lothringer-Gasse. In Sacklas. Haus Nummer 177. Es wurde 1908 gebaut. Mein Großvater, Juri Ota, kaufte es 1926. Fünf Jahre zuvor kam er mit einem Schimmel ins Dorf. Der Schimmel zog einen Wagen. Darauf waren ein Bett und meine Großmutter Julianna Dassinger aus Darova. Er hatte sie in Lenauheim kennengelernt. In Tschadat, wie mein Juri Ota das Dorf nannte. Dort arbeiteten beide bei Doktor Willi. Es waren die harten Nachkriegsjahre. Der Erste Weltkrieg war gerade vorbei.

Zur Lothringer-Gasse zeigte eigentlich nur der Hinterausgang. Den benutzte ich, wenn ich mich schnell aus dem Staub machen wollte. Durch das „Hinkelsloch“. Dem Ausgang für die Hühner. „Staub“ war auch mein Spitzname. Genauer „Staubs Juri seiner“. Einen eigenen Spitznamen bekam ich erst später. „Willi-Walli“. Irgendwie auch logisch. Der Haupteingang zeigte zur Dreibrunnen-Gasse. Das war meine Gasse. Dahinter die Kanalschanz. Danach die Felder. Das war mein Revier.

Geboren wurde ich in der Litzeborjergass, in der Luxemburger-Gasse, nicht weit weg vom Bahnhof. Im Haus meiner Großeltern mütterlicherseits. Dort habe ich auch die ersten sechs Monate meines Lebens verbracht. Daran kann ich mich nun wirklich nicht mehr erinnern. Man hat es mir aber erzählt. Ich war später oft zu Besuch dort. Das schönste im Haus war der Kachelofen. Man konnte rundherum laufen. Und man konnte Kacheln hineinlegen. Ich spüre sie heute noch an meinen Füßen. Wie eine Wärmflasche. Sonst war es eher langweilig dort.

Mein Ruff Ota war sehr streng. Er war Gott sei Dank nicht oft zu Hause. Zu viele Leute brauchten einen Kachelofen. Er stellte sie auf. Tante Hilde, die jüngere Schwester meiner Mutter, konnte mich nur selten gebrauchen. Außer, wenn ich eine Nachricht für ihren Freund Peter überbringen musste. Meine Ruff Oma stopfte mir immer die Taschen voller Äpfel, wenn ich wieder los zog. „Die sind nicht für die Refuschatten, nicht für die Flüchtlinge“, gab sie mir mit auf den Weg. Bis ich zu Hause war, hatte ich keine mehr.

Der Weg in die Dreibrunnen-Gasse war sehr lang. Ich kehrte deshalb immer bei Verwandten ein. Auch bei der Keglersch Wes Kathi. Ich hab sie zu den Verwandten gerechnet. Das mit der Verwandtschaft habe ich nie so ganz durchschaut. Ich hatte das Gefühl, das ganze Dorf sei miteinander verwandt. Auch um uns herum waren Verwandte. Da konnte man hingehen. Oft auch durch die Gärten. Man ging nur das Haus besuchen. So wie Linkse Path. Er kam herein, durchstreifte die Grechtigkeit und ging wieder. Worte wurden wenig gewechselt. So habe ich es auch oft gemacht. Bei Kuppis. Ich bin rein. Bin auf den Maulbeerbaum geklettert und weitergezogen. Kuppi Michel war zu groß für mich. Mohrsch Goth hat mir noch Bonbons aus der Stadt, aus der Kandia, zugesteckt. Vom Fratscheln. Mit Milch und Rahm! Dann war ich weg. Bei Linkse Goth und Linkse Peter, meinem Taufpaten, habe ich geschaut, ob alle da sind. Dann bin ich ab durch die Gärten.

Die Sommer waren heiß und die Winter kalt. Im Herbst wurde geerntet und im Frühling erwachte das Leben. Ein paar Kilometer weiter war die Stadt. Temeswar. Um dahin zu kommen, musste man die Ketten durchbeißen. Das sagte man den Kindern, wenn sie in die Stadt wollten. In der Stadt gab es Polar, Pariser und Citro.

Ich wollte aber keine Ketten durchbeißen. Ich wollte ein Taschenmesser. Ein Knappmesser. Fuhrsch Peter hatte eins. Er wohnte in der Haupt-Gasse und war drei Jahre älter als ich. Sein Vater zeigte mir den Samen auf ihrem Dachboden. Samen für Taschenmesser. Man musste ihn auf dem Feld säen und im Herbst ernten. Es hat bei mir nicht funktioniert. Damit habe ich mich aus der Landwirtschaft zurückgezogen.

Auch aus dem Haus verschwanden die letzten Pferde und Kühe. Mein Großvater setzte sich langsam zur Ruhe. Mein Vater kam auf dem Traktor daher. Eigentlich fuhr er immer mit dem Fahrrad. Er war braun gebrannt. Nur am Sonntag ging er zu Fuß. Zum Kartenspielen. Gespielt wurde selten. Die Karten waren nur Stichwortgeber. Für lange, endlose Debatten. Er hatte immer gute Karten.

Das war aber schon viel später.

 

Worterklärungen

Leni – Pless Magdalena, geb. Wilhelm, meine Schwester, vier Jahre älter als ich, Jahrgang 1950

Meine Mutter – Wilhelm Barbara, geb. Ruff, Jahrgang 1928

Mein Vater – Wilhelm Georg, Spitzname: Staub Juri, Jahrgang 1926

Juli Oma – Wilhelm Julianna, geb. Dassinger, meine Großmutter väterlicherseits, Jahrgang 1899

Juri Ota – Wilhelm Georg, mein Großvater väterlicherseits, Jahrgang 1900

Ota – Opa

Hambar – erhöhter Holzschuppen zur Trocknung der Maiskolben

Dreibrunnen-Gasse – Straße am Dorfrand, in der ich gewohnt habe

Lothringer-Gasse – bildete mit der Dreibrunnen-Gasse eine Ecke

Sacklas – Sackelhausen (deutsch), Săcălaz (rumänisch), Szakálháza (ungarisch); ehemaliges deutsches Dorf im rumänischen Banat, 9 km von Temeswar entfernt

Darova – ehemaliges deutsches Dorf im Banat, ca. 70 km östlich von Sackelhausen

Luxemburger-Gasse – Straße in der Nähe des Bahnhofs, in der meine Großeltern mütterlicherseits gewohnt haben

Lenauheim – deutsches Dorf im rumänischen Banat, bis 1926 Tschadat genannt,

ungarisch Csatád

Doktor Willi – Bekannter aus Lenauheim

Kanalschanz – Wassergraben in unmittelbarer Nähe der Dreibrunnen-Gasse

Staub – Spitzname meiner Familie, der Familie Wilhelm

Litzeborjergass – Luxemburger-Gasse

Willi Walli – mein Spitzname, abgeleitet von meinem Namen Wilhelm Walter, Jahrgang 1954

Ruff Ota – Ruff Jakob, mein Großvater mütterlicherseits, Jahrgang 1904

Tante Hilde – Glatt Hilde, geb. Ruff, Schwester meiner Mutter, Jahrgang 1941

Peter – Glatt Peter, späterer Ehemann meiner Tante Ruff Hilde, Jahrgang 1941

Ruff Oma – Ruff Anna-Maria, geb. Berenz, meine Großmutter mütterlicherseits, Jahrgang 1907

Refuschatten – Bezeichnung für zugezogene Kolonisten aus anderen Teilen Rumäniens;

Refugium (lat.)-Schutzraum; refugee (engl.)-Flüchtling

Keglersch Wess Kathi – Wiener Katharina, geb. Kegler, Schwester von Wilhelm Margaretha,

der Frau meines Onkels Wilhelm Jakob, Jahrgang 1920

Wess – Anrede für eine ältere Frau

Linkse Path – Reinbold Michael, Verwandter, Jahrgang 1887

Path – ursprünglich Patenonkel

Kuppis – Familie Koppi und Mohr

Grechtigkeit – Gerechtigkeit; Bezeichnung für Haus und Garten

Mohrsch Goth – Koppi Barbara, geb. Mohr, Verwandte, Jahrgang 1917

Goth – ursprünglich Patentante

Linkse Goth – Messmer Katharina, geb. Reinbold, Verwandte, Jahrgang 1917

Linkse Peter – Messmer Peter, mein Taufpate, Jahrgang 1939

Temeswar – Stadt in Westrumänien, Hauptstadt des Banats, 9 km von Sackelhausen entfernt

Polar – rumänische Stileissorte

Pariser – Pariser Wurst; österreichische Brühwurstsorte

Citro – rumänisches Erfrischungsgetränk mit Zitrone

Knappmesser – Taschenmesser

Fuhrsch Peter – Tautzenberger Peter, Jahrgang 1951

 

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