3 Auf dem Dach

28. April 2015

 

„Komm runter, du kriegst keine Schlee!“

Ich zögerte einen Moment. Hatte ich richtig gehört? Meine Mutter wiederholte die Aufforderung: „Komm runter, du kriegst keine Schlee!“

Das Wort Schlee war mir geläufig, schließlich war ich schon vier Jahre alt. Es bedeutete eine Tracht Prügel. Die wurden mir hin und wieder angedroht, aber dann meistens auf das nächste Mal verschoben. Da sammelte sich manchmal ganz schön was an.

Aber warum sagte sie diesmal: Du kriegst keine Schlee?

Unschlüssig schaute ich nach unten. Bin ich zu weit gegangen? Zurück wollte ich aber nicht. Zumindest jetzt noch nicht.

Mein Vater hatte mich auf das Dach gesetzt. Ich sollte da oben die Tauben füttern. Er war stolz, dass ich schon so groß war. Jetzt stritt er mit meiner Mutter. „Du bist schuld, wenn er runter fällt“, schrie sie ihn an.

Mein Vater kam mir zu Hilfe. „Komm du nur runter, dann kriegst du Schlee“, sagte er. Das war konsequent. Zu befürchten hatte ich jedoch nichts. Das nächste Mal vielleicht. Aber bis dahin war schon wieder alles vergessen. Mein Vater war sehr vergesslich diesbezüglich. Erziehung war eben Frauensache.

Ich machte noch ein paar Schritte und setzte mich hin. Meine Schwester, die Leni, schrie hysterisch: „Er fällt runter, er fällt runter.“ Dann war sie weg. Sie war nur vier Jahre älter als ich, benahm sich aber schon wie eine Mutter.

Mein Großvater rief  : „Die Dachziegel, die Dachziegel!“ Er schob mir einen Stock rüber. Ich kletterte weiter. Die Juli Oma kam jetzt auch aus dem Haus und schaute auf das Dach. Sie schüttelte nur den Kopf. Sie sagte selten etwas und ärgerlich habe ich sie eigentlich nie erlebt.

Es wurde still unten. Ich hatte das flache Stück über der Sommerküche schon hinter mir und die Tauben wurden immer zutraulicher. Ich glaube, sie sahen die Maiskörner, die ich fest umklammerte. Ich kletterte mit geschlossenen Fäusten weiter.

„Jakob! Nicht nach oben!“, schrie mein Vater. In der Aufregung nannte mich mein Vater immer Jakob, obwohl ich Walter heiße. Sein jüngerer Bruder heißt Jakob. Ich nannte ihn schon immer Jakob Path. Zur Unterscheidung. Die Tauben ließen nicht locker. Sie gurrten und versperrten mir den Weg. „Die Dachziegel, die Dachziegel“, schrie mein Juri Ota wieder. Wir wussten beide, dass Tauben Dachziegel zerbrechen konnten. Er hatte es mir selbst gesagt. Patschfuß nannte er sie. Große, prächtige Exemplare mit Federn an den Füßen.

Jetzt stritten die Tauben um ihr Futter. Gleich war ich oben auf den runden Dachziegeln. Ich sah meinen Vater auf der anderen Seite des Hauses, den Rest der Familie im Hof. Ich fütterte die Tauben. Ich fütterte immer die Tauben. Auch die Brieftauben. Die kamen aber eines Tages nicht mehr zurück. Die Haustauben flogen nie weg. Nicht einmal auf das Feld. Sie wollten nur von mir gefüttert werden. Das hat ihnen auch das Leben gerettet. Damals, als auf den Feldern Gift gespritzt wurde. Damit das Unkraut verschwindet. Damit der Fünfjahresplan in viereinhalb Jahren erfüllt wird. Das nannte man damals Zentralverwaltungswirtschaft oder sozialistische Wirtschaft. Auch die Hasen bekamen Beulen vom Gift. Seitdem hatten wir keine Hasen mehr.

Die Maiskörner kullerten auf beiden Seiten des Daches hinunter. Die Tauben flatterten hinterher. Ich weiß nicht mehr, ob sie die Dachziegel zerbrochen haben. Ich weiß auch nicht mehr, wie ich vom Dach heruntergekommen bin. Man hat mit mir nicht mehr darüber gesprochen.

An Schlee kann ich mich auch nicht mehr erinnern.

 

Worterklärungen

Schlee – Schläge; Tracht Prügel

Leni – Pless Magdalena, geb. Wilhelm, meine Schwester, vier Jahre älter als ich, Jahrgang 1950

Juli Oma – Wilhelm Julianna, geb. Dassinger, meine Großmutter väterlicherseits, Jahrgang 1899

Juri Ota – Wilhelm Georg, mein Großvater väterlicherseits, Jahrgang 1900

Ota – Opa

Jakob Path – Wilhelm Jakob, der Bruder meines Vaters, Jahrgang 1930

Path – ursprünglich Patenonkel

Patschfuß – Taubenart mit Federn an den Füßen

Fünfjahresplan – ein in den Zentralverwaltungswirtschaften der sozialistischen und kommunistischen Ländern übliches Instrument der Planung volkswirtschaftlicher Aktivitäten

Zentralverwaltungswirtschaft – Bezeichnung für die Wirtschaftsordnung in sozialistischen und kommunistischen Ländern; auch sozialistische Wirtschaft genannt

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