4 Die Hochzeit

28. April 2015

Meine Juli Oma stammte aus Darova. Ich war davon überzeugt, dass alle Leute aus Darova freundlich waren. Ich war ein paar Mal dort. Es war immer sehr lustig. Das Elternhaus meiner Oma stand am Dorfrand. Auch unser Haus in Sacklas stand am Dorfrand.

Damals glaubte ich, alle Häuser würden am Dorfrand stehen. Am Dorfrand in Darova war es fast so schön, wie am Dorfrand in Sacklas. Es war hügelig, und man konnte mit dem Fahrrad so schön rauf und runter fahren.

Einmal waren wir zu einer Hochzeit eingeladen. Der Brautvater war sehr stolz. So stolz, wie sein Hahn, der auf dem Misthaufen auf  und ab lief. Beide drohten jeden Moment zu platzen. Stolz und gefährlich war aber nur der Hahn.

In Darova feierte das ganze Dorf eine Hochzeit. Die Verwandtschaft aus Sackelhausen zeigte sich in ihren schönsten Kleidern. Meine Schwester, die Leni, wurde herausgeputzt und rührte sich nicht mehr vom Fleck. Ich hatte extra dafür einen neuen Anzug bekommen. Von Pohr Klosi, meinem Firmpaten.

Wochenlang wurde ich zur Anprobe geschleppt. Seine Schneiderwerkstatt war in einem kleinen Hinterzimmer in der Kleinen Kreuz-Gasse. Ein Schneidertisch, ein Radio und ein Sofa. Da saß er und nähte. Damals las mir meine Schwester, die Leni, das Buch vom tapferen Schneiderlein vor. Ich war fest davon überzeugt, dass es Pohr Klosi war. Später ging ich immer sehr gerne zu einer Anprobe. Wegen des Radios. Pohr Klosi nähte und hörte Bundesliga.
  Er hörte immer Bundesliga. Er war Hamburg-Fan. Hamburg war damals sehr schwach. Er hörte aber tapfer zu. Ich wurde dann Gladbach-Fan. Ich weiß auch nicht warum. Vielleicht weil ich nicht Bayern-Fan sein wollte, wie das halbe Dorf und mein Schulfreund Cicio. Wir schrieben nach Deutschland und erhielten Autogrammkarten. Das Bild von Netzer lag jahrelang unter meinem Kopfkissen. Der Mann, der um die Ecken schoss! Schuhgröße 47. Lange blonde Haare, feuerroter Ferrari! Ein Rebell am Ball! Cicio redete dauernd von einem gewissen Beckenbauer. Zum Kuckuck mit Beckenbauer. Ich ging auch nicht zur CFR, sondern spielte bei Poli Fußball. Im Fußball waren wir nie einer Meinung. Dafür aber im Kartenspielen. Wenn wir bei Getzje gemeinsam tricksten, war die Welt wieder in Ordnung.

Auf einen war dabei immer Verlass: Auf meinen Schulkameraden und Freund Zaki. Er glättete immer die Wogen, wenn wir die Einsätze zu arg in die Höhe trieben. Er hielt uns auch alle vom Leib, die uns an die Wäsche wollten. Wenn Zaki, Herri und ich unterwegs
waren, hatten wir nie Probleme, wieder sicher in unsere Ecke zu kommen. Zaki war stark. Herri und ich waren schnell. Zaki hielt auch nicht zu den Bayern. Er war Eintracht-Fan, weil dort sein Namensvetter Friedel Lutz spielte. Ich habe ihm das immer hoch angerechnet.

In Darova wussten sie nichts vom Fußball. Ich wusste damals auch noch nichts. Ich sah nur den Hahn, der auf dem Misthaufen so großspurig auf und ab lief. Ich wollte ihm den neuen Anzug von Pohr Klosi zeigen. Er sprang mich an. Ich hielt ihn fest. Meine Mutter
  kriegte einen Tobsuchtsanfall. Durchs halbe Dorf in die Kirche ging ich im Trainingsanzug. Ich fühlte mich wie Günter Netzer.

Es war die schönste Hochzeitsfeier, die ich je erlebt habe.

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