5 Auf dem Eis

28. April 2015

 

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wie ich mitten auf den zugefrorenen See gekommen bin, der eines Tages vor unserer Haustür war. Die Kanalschanz war mal wieder über ihre Ufer getreten. Das Eis war noch frisch und zart. Aber es trug mich. In Hausschuhen bin ich darauf herumspaziert. Meine stammten aus Darova. Ich erinnere mich noch genau, was man mir alles angeboten hatte, damit ich runterkomme. Auch Schlee waren dabei. Die Juli Oma schüttelte nur den Kopf und ging eine Decke holen.

Besonders aktiv war meine Schwester. Die Leni. Sie bot mir an, alles vorzulesen, was ich mir nur wünschte. Auch Max und Moritz zum 27. Mal. Wir schliefen damals noch in einem Bett. Sie bot mir auch an, dass ich abends das Licht ausmachen durfte. Der Herr des Lichts! Vielleicht bin ich deswegen runter gekommen. Vielleicht auch, weil meine Schwester, die Leni, plötzlich weg war.

Sicher war sie wieder zu ihrer Busenfreundin Lutzi gerannt. Die musste alles sofort erfahren. Die beiden steckten tagelang zusammen und tuschelten. Obwohl wir nur drei Ecken voneinander entfernt wohnten, konnten sie an jeder Ecke eine Stunde lang miteinander tratschen. Wenn es nicht gereicht hatte, kamen sie wieder zurück. Wie die Gänse. Später als die Jungs hinter ihnen her waren, hab ich das ja noch eingesehen. Die haben dann plötzlich sogar mir hofiert. Mal durfte ich auf dem Moped fahren, mal hat mich jemand mit dem Fahrrad mitgenommen. Nur um mir zu sagen, dass ich eine hübsche Schwester habe. Als ob ich das nicht schon längst wusste. Ich hatte extra meine Mutter danach gefragt. Sie hat zwar nicht gleich ja gesagt, aber auch nicht nein. Jetzt war sie weg. Die Leni. Wahrscheinlich zu Lutzi.

Das Eis bog sich, gab aber nicht nach. Ich rutschte noch ein paar Mal hin und her und gab auf. Ohne Zuschauer machte es nur halb so viel Spaß. Meine Mutter meinte noch, dass ich schon alt genug sei und die Gefahr langsam begreifen müsste. Komisch! Noch Jahre danach blieb ich diesbezüglich begriffsstutzig. Übers hauchdünne Eis mit den Schlittschuhen zu flitzen, gehörte schließlich zu den Pflichtübungen in unserer Ecke. Biegen, aber nicht brechen, lautete die Devise. Eingebrochen sind wir höchstens beim Eishockeyspielen gegen die Rumänen. Oder wenn wir bei unseren Keilereien zu zehnt übereinander lagen. Verheimlichen ließ sich dies in den seltensten Fällen. Dafür war dann meine Mutter zuständig. Sie war, was die Erziehung anbelangt hat, die höchste Autorität im Haus. Sie war nicht unbedingt streng, aber konsequent. Wenn jemand eine Strafe verdient hatte, dann hat er sie auch bekommen. Eine Strafe hatte man verdient, wenn man etwas angestellt hatte. Meine Schwester, die Leni, hat nie etwas angestellt. Sonst hatte ich keine Geschwister.

Ich hatte die Strafen ganz für mich allein. Und das Eis.

 

Worterklärungen

Kanalschanz – Wassergraben in unmittelbarer Nähe der Dreibrunnen-Gasse

Darova – ehemaliges deutsches Dorf im Banat, ca. 70 km östlich von Sackelhausen

Schlee – Schläge; Tracht Prügel

Juli Oma – Wilhelm Julianna, geb. Dassinger, meine Großmutter väterlicherseits, Jahrgang 1899

Leni – Pless Magdalena, geb. Wilhelm, meine Schwester, vier Jahre älter als ich, Jahrgang 1950

Lutzi – Lutz Katharina, Lenis Busenfreundin, Jahrgang 1951

 

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